Mitgliederkonzert

Matinée der Chopin-Gesellschaft Hamburg-Sachsenwald e.V. in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater Hamburg

Frédéric Chopin ist uns als gefeierter Klaviervirtuose und Komponist bekannt. Jedoch bestritt er den Großteil seines Lebensunterhalts mit Klavierstunden, die er in den Kreisen der französischen Oberschicht erteilte. Diese nicht allzu bekannte Tatsache brachte uns Prof. Rutkowski anlässlich des zweiten Einladungskonzertes für Mitglieder und Freunde der Chopin-Gesellschaft näher. Wir sollten von einigen illustren Schülern Chopins erfahren und eine Unterrichtsstunde des Meisters erleben. Denn Chopin hatte ganz bestimmte Techniken und Vorstellungen, wie talentierte Laien und Profis mit der Musik umgehen sollten. Ein sehr spannendes Programm für diesen winterlichen Januarsonntag.


Zwei Lieblingsschüler des Meisters

Zu den Schülern zählte z.B. Carl Filtsch, der seit seinem dritten Lebensjahr Klavier spielte und als 12-jähriger in Chopins Unterricht eintrat. Der Knabe war bereits bei Hofe eingeführt und hatte mit seiner außerordentlichen Begabung auf Konzertreisen Zuhörer und Musikkritiker in Erstaunen versetzt. Chopin sollte seine Kunstfertigkeit vervollkommnen. Filtsch trug eines von Chopins Klavierkonzerten so gekonnt vor, dass sein Lehrer ausrief: „Mein Gott, welch ein Kind! Kein Mensch hat mich jemals so verstanden ...“ Auch komponierte der Junge bereits und Prof. Rutkowski führte uns Tonaufnahmen vor, um den Einfluss Chopins auf die Stücke Carl Filtschs deutlich zu machen. Eine faszinierende Gegenüberstellung, die Ähnlichkeiten und Unterschiede hervorhob.

Wenn man das feinsinnige Bild betrachtete, das unser Moderator uns per Beamer auf der Leinwand zeigte, tat es schon fast weh zu hören, dass der hochbegabte Schüler nicht lange lebte. Wegen einer unheilbaren Tuberkulose mussten Europatourneen abgesagt werden, doch trotz intensiver Behandlung starb er bereits im Alter von 15 Jahren. Dann stellte uns Prof. Rutkowski einen weiteren Lieblingsschüler von Chopin vor, der später sein Assistent wurde, Karol Mikuli. Dieser gab Chopins Klavierkunst an zwei äußerst talentierte und später sehr berühmte Pianisten weiter. Als wenn es noch nicht genug der Faszination war, spielte Prof. Rutkowski uns die erste Schallplattenaufnahme von Raoul Koczalski und eine Filmaufnahme mit Moriz Rosenthal am Klavier vor. Diese Nähe zu Chopins authentischem Spiel trieb dem einen oder anderen eine verstohlene Träne ins Auge.


Talent in Residence

Ebenso hochbegabt ist unser „talent in residence“ Florian Albrecht, wie ihn der Präsident der Gesellschaft vorstellte. Wir wünschen ihm von Herzen einen wunderbaren Lebens- und Karriereweg. Der junge, 13 Jahre alte, viel beachtete Preisträger illustrierte Prof. Rutkowskis Vortrag mit Stücken aus Chopins Werk und stellte im weiteren Verlauf des Konzerts als Carl Filtsch auch den Klavierschüler Chopins (alias Prof. Rutkowski) dar. Chopin unterrichte in Paris täglich fünf Schüler.

Aufgrund von Chopins Popularität und seinem gewandten Auftreten in den Salons galt es als prestigeträchtig, bei ihm zu spielen. Der Klavierpädagoge war für seine Akribie bekannt und nicht selten befasste man sich eine ganze Stunde lang mit nur einem einzigen Takt. Trotz des kleinen Vermögens von etwa 20 Francs in Gold für die Unterrichtsstunde, die man ihm einst aufgedrängt hatte und die zu fordern er selbst niemals gewagt hätte, lernten die Schüler gern bei Chopin. An guten, heiteren Tagen war er ein fröhlicher Pädagoge, in schlechterer Stimmung eher streng. Jedoch behandelte er gerade die Damen immer mit großer Freundlichkeit. Von Vorteil für den Ruf und die Karriere war der Unterricht immer, sodass auch Menschen, die Chopin aus zeitlichen Gründen nicht aufnehmen konnte, ihn um Erlaubnis baten, sich seine Schüler nennen zu dürfen. Er gewährte es ihnen.


Eine Klavierstunde bei Chopin

Nach einer Pause, die wir im Gespräch und mit Köstlichkeiten aus der Gourmetküche einiger Mitglieder genossen, sollte nun eine Unterrichtsstunde folgen. Prof. Rutkowski stellte uns vor, nach welchen Maximen Chopin seine Schüler unterrichtete. Dabei halfen Florian Albrecht als Klavierschüler und die 25-jährige Sopranistin Johanna Will. Die Sängerin ist Gewinnerin zahlreicher internationaler Wettbewerbe, übernahm die Hauptrolle in Hans Krasas „Brundibar“ und ist auch in einer Rolle in der Kinoverfilmung des „Freischütz“ zu sehen.

Aber warum eine Sängerin zur Klavierstunde? Der Klaviervirtuose Chopin forderte etwas Besonderes von seinen Schülern, nämlich, dass sie die Töne des Klaviers „zum Singen“ bringen müssen. Wenn ein Klavierstück wie Gesang klang, bedeutete dies Vollkommenheit für die Interpretation. Wie gut dies zusammenpasst, zeigten uns Florian und Johanna, indem sie uns einen Ausschnitt aus einer Nocturne vorspielten: Der Pianist spielte die linke Hand und die Sängerin sang „die rechte Hand“. Sie sang, wie sie uns später erklärte im Belcanto.


Singende Töne

Nach Chopins Auffassung verwandelt Musik Gefühle in Töne. Er sah Noten als Silben, Takte als Worte und ein ganzes Musikstück als Ausführung von Gedanken. Als schönsten Ausdruck stellte er sich die Töne verbunden vor (legato) und führte Belcanto als Vorbild an. Chopin liebte die Schönheit dieser italienischen Gesangskunst und deren veredelte Tonbildung über alles. Übertragen auf das Klavierspiel ist dies zunächst ein Widerspruch: Wie soll ein Instrument mit einer Tonerzeugung durch Tastenanschlag eine menschliche Stimme nachahmen? Doch durch eine gezielt gefühlvolle Anschlagtechnik mit „weichem“ Handgelenk können sogar Töne, die zeitlich weiter auseinander liegen, verbunden klingen. Johanna sang Florian hier einige Tonfolgen vor und der Pianist ahmte sie auf dem Flügel nach. Dies gelang anfangs noch nicht ganz. Florian nahm die Einwände Prof. Rutkowskis sehr gerne und mit Humor an und wir lachten staunend mit. Jedoch lernte er äußerst schnell, diese schwierige Technik umzusetzen, was uns fast ein wenig ehrfürchtig werden ließ.

Wie viel Disziplin, genaues Zuhören, Verständnis und Können dahinter stecken, kann man eigentlich erst ermessen, wenn man einmal gesehen hat, wie ein solches Musikstück erarbeitet werden muss. An diesem Sonntag haben alle Matinée-Besucher eine Menge dazugelernt. Viele erzählten sich im Anschluss von ihren eigenen Musikaktivitäten und beteuerten, die Musik und die nötige Spielweise und auch den Gesang nun in einem anderen Licht zu sehen.

Ein herzliches Dankeschön geht an Prof. Rutkowski für diese unterhaltsamen und lehrreichen Unterrichtsstunden, in denen er uns multimedial die Kunst des Klavierspiels und die Musik Chopins näher gebracht hat. Es war ein außergewöhnliches Erlebnis, hier einer Klavierstunde beigewohnt zu haben. Die noch junge Tradition der Mitgliederkonzerte der Chopin-Gesellschaft ist tatsächlich etwas ganz Besonderes.