„Chopin und Schumann“

Ein Konzert der Chopin-Gesellschaft Hamburg-Sachsenwald e.V. im Rahmen der Bergedorfer Musiktage

Wenn man im Sommer die Lindenallee zum Reinbeker Schloss hinaufgeht, umweht einen der süße Duft der Lindenblüten. Er zog sogar durch die geöffneten Fenster des Festsaals im Renaissance-Schloss, wo schon ein Steinway-Flügel für die Künstler bereitstand. Trotz beginnender Sommerferien füllte sich der Saal rasch. In Zusammenarbeit mit den Bergedorfer Musiktagen sollte ein Konzert zu „Chopin und Schumann“ stattfinden. Eröffnend sprach Dr. Logmani, der Vorsitzende der Bergedorfer Musiktage e.V., einige Worte. Wer ihn einmal kennenlernen durfte, wird seinen Elan und die Fröhlichkeit, die er sofort verbreitet, nicht so schnell vergessen. Prof. Rutkowski, als Präsident der Chopin-Gesellschaft, lüftete nun auch endlich das „Geheimnis“, wer denn das Vorprogramm zum Konzert gestalten sollte.


Man nimmt sich die Freiheit

Adriana von Franqué tritt auf mit jugendlicher Frische. Sie steht am Anfang ihrer Karriere. Die deutsch-bolivianische Pianistin hat die Freiheit, uns nicht mit Chopin, sondern mit dem Komponisten und Organisten César Franck bekannt zu machen. In ihrer kenntnisreichen Einführung in das Leben des französischen Künstlers, beschreibt sie einen zunächst leisen Anfang des Klavierstücks, das sich wie zu einem Choral steigern wird. Nun setzt sie sich an den Flügel, atmet, um sich zu sammeln und beginnt. Sie spielt die Prélude, Choral et Fugue und wie sie beschrieben hatte, ist der Anfang des Stücks zunächst unsicher, ja sogar eher fragend. Die 24-jährige hält ihr Versprechen und spannt eine Stimmung auf, leise und düster, die sich schließlich machtvoll steigert. Sie verabschiedet sich mit einer heiteren Etüde von Chopin.


Gutes tun mit Musik

Während ihres temperamentvollen Spiels wird klar, warum sie mehrfache Preisträgerin bei „Jugend Musiziert“ war und den Klassik-Preis des Rotary Club Berlin und des Butterfly Communications Piano Prize erhielt. Ihr eleganter Ausdruck bezaubert die Zuhörer und ihre Sicherheit erzählt von einer aktiven Bühnentätigkeit. Bereits im Jahr 2012 hatte sie ihr Orchesterdebut unter Jürgen Peters. Bei dieser Berliner Ausstellungseröffnung zu „Dialog mit Zeit“, im Beisein von Joachim Gauck, erlangte ihre Kunst große Anerkennung. Man merkte ihr einfach Spielfreude und Souveränität an, geübt durch Festival-Auftritte u.a. in Frankreich, Polen und Deutschland. Doch sie möchte mit ihrer Passion auch Gutes bewirken und setzt sich für sozial benachteiligte Hamburger Kinder ein. Daher spielt sie seit 2014 regelmäßig bei den Billstedt-Classics, um den Kindern den Zugang zu klassischer Musik zu ermöglichen. Zudem ist sie Mitglied des Hamburger Netzwerks ¡RIMA!, das sich dafür einsetzt, iberoamerikanische Musiker in ihrem Talent zu fördern.


Frédéric und Robert – zwei ferne Freunde

„Hut ab, Ihr Herrn, ein Genie!“ Mit diesen Worten Schumanns über Chopin kündigt Prof. Rutkowski den nun folgenden Teil des Konzerts an. Mit einer Rezension über Chopins Mozart-Variationen op. 2 begann Robert Schumann seine Laufbahn als Musikschriftsteller. Damit machte er seinen polnischen Pianisten-Kollegen auch in Deutschland bekannt. Er beschrieb die Musik Chopins als „unter Blumen eingesenkte Kanonen“. Beide Künstler, im Jahr 1810 geboren, waren prägende Talente ihrer Zeit und schufen unsterbliche Musik. Obwohl sie sich nur zweimal trafen, behielten sie sich musikalisch im Auge und widmeten einander sogar eigene Kompositionen. Schumann widmete ein Wunderwerk der Klavierliteratur, seine „Kreisleriana“, Chopin. Letzterer wiederum widmete Schumann die Ballade Nr. 3. Das erste Mal trafen sich die beiden Komponisten 1835 in Leipzig und begegneten sich später nur noch zu einer weiteren Gelegenheit. Uns erwarteten nun eine Ballade und eine Sonate von Chopin und eine Fantasie von Robert Schumann und ... eine fast schon erschütternde Begeisterung.


Verschmelzen

Fast scheu betritt der Pianist Mauro Lo Conte die Bühne und nimmt schnell am Klavier Platz. Als er die Tastatur berührt, geschieht etwas Eigentümliches, denn er scheint mit dem Instrument zu verschmelzen und tritt hinter den Klängen von Chopins Ballade Nr. 4 f-Moll Op. 52 zurück. Das der Baronin de Rothschild gewidmete Stück entstammt der letzten Schaffensperiode des Komponisten und ist von hoher musikalischer Komplexität. Der 33-jährige Künstler drückt die Nachdenklichkeit und Lyrik des Stückes meisterlich aus, das sich zu effektvoller Dramatik steigert. Die Presse feierte bereits Herrn Lo Contes reifes Spiel und er zeigte es eindrucksvoll auch in der folgenden Sonate Nr. 2 b-Moll Op. 35. Alle Sätze dieses Stückes stehen ungewöhnlicherweise in Moll, das Thema ist rastlos und steigert sich weiter und weiter. Jedoch beherrscht es der Pianist vollkommen und versenkt sich leidenschaftlich in die Klänge, lässt sich von ihnen tragen. Unter Bravo-Rufen will ihn das Publikum kaum in die Pause gehen lassen.


Ein herausragender Künstler

Im Foyer gibt es dann kaum ein anderes Thema als das pure Erstaunen über die Kunstfertigkeit des Italieners. Er legte am Conservatoire de Lausanne sein Lehr- und Solisten-Diplom ab und begeisterte die Jury mit Chopins Sonate Nr. 2. Die Max-Jost-Stiftung verlieh ihm hierfür den 1. Preis aller Absolventen des Jahres gleich welcher Instrumente. Der renommierte Pianist und Professor Evgeni Koroliov holte ihn nach Hamburg an die Hochschule für Musik und Theater, wo er seine Studien weiterführte. Neben einer Vielzahl von Konzerten und Festival-Auftritten in der Schweiz und anderen Ländern spielte Mauro Lo Conte auch Aufnahmen ein. „Television Suisse-Romande“, „France Musique“, „NDR Radio“ sind z.B. einige seiner Studio-Stationen. Als vielfacher Preisträger internationaler Wettbewerbe war er auch als Konzertpianist zu Live-Auftritten in der Victoria Hall in Genf, im Chaux-de-fond Saal, Château du Clos de Vougeot und der Hamburger Laeiszhalle zu Gast. Der Klavierkünstler ist für seinen Sinn für Polyphonie und sein phantasievolles Spiel bekannt. An der HfMT Hamburg unterrichtet Mauro Lo Conte mittlerweile als Dozent.


Meditation und Magie

Zu den bekanntesten und bedeutendsten Werken Robert Schumanns zählt die Fantasie in C-Dur Op. 17. Diesen Klassiker der romantischen Musikliteratur widmete er Franz Liszt und stellte ihn unter Friedrich Schlegels Motto: „Durch alle Töne tönet | Im bunten Erdentraum | Ein leiser Ton gezogen | Für den, der heimlich lauschet“. An diesem Abend konnte es das Publikum im Reinbeker Schloss kaum erwarten, die Interpretation Herrn Lo Contes zu hören. Wildheit und Ruhe wechseln unter den Händen des Klaviervirtuosen ab und lockten durch die Düsternis des an einen Trauermarsch gemahnenden zweiten Satzes. Mauro Lo Contes Versunkenheit bei Schumann gleicht einer Meditation. Er dringt in eine Tiefe vor, in der sich alles um ihn herum aufzulösen scheint. Damit entführte er alle Anwesenden auf eine fast magische Weise aus der alltäglichen Welt. Er schafft es, die Herzen der Menschen so zu berühren, dass ihnen Tränen in den Augen schimmern. Das völlig hingegebene Spiel Mauro Lo Contes kann man fast als ein Wunder bezeichnen. Das Konzert endet mit einem friedvollen Stück von Bach als Zugabe.


Überschwängliche Begeisterung

Während des nachfolgenden frenetischen Applauses hielt es selbst Dr. Logmani nicht mehr auf dem Sitz. Voller Begeisterung griff er nach einem großen Dekorationsbouquet und legte ihn Mauro Lo Conte in die Arme. Damit drückte er aus, was wohl jeder im Saal spürte, um sich für dieses außergewöhnliche Konzert zu bedanken. So etwas kann tatsächlich nur ein Live-Auftritt bieten und die Chopin-Gesellschaft freut sich immer wieder darüber, Kontakt zu besonderen Künstlern zu haben, die der Einladung gern folgen und immer sehr herzlich empfangen werden.

„Wie schafft man es nur, solche Musik zu machen?“ Das fragten sich viele Konzertbesucher beim Verlassen des Konzertsaals. Darauf haben wir eine Antwort bekommen. Im Anschluss nahmen sich Adriana von Franqué und Mauro Lo Conte Zeit, mit uns ein Interview zu führen.

Weitere Informationen über die Künstler erhalten Sie auf deren Internetseiten sowie Hörproben ihres Könnens:

Adriana von Franqué
Mauro Lo Conte


Interview mit Adriana von Franqué

Adriana von Franqué hat unserer Autorin Mona Ammich ein Interview gegeben, in dem sie sehr persönlich ihre Liebe zum Klavier und zur klassischen Musik, ihren Werdegang, ihr Projekt mit benachteiligten Kindern, ihren Umgang mit sozialen Netzwerken und ihre zukünftigen Pläne erläutert. Lesenswert!

Zum Interview


Interview mit Mauro Lo Conte

Nach seinem grandiosen Konzert im Reinbeker Schloss gab Mauro Lo Conte der Autorin Mona Ammich ein ungewöhnliches Interview, das wir Ihnen hier zum Nachlesen anbieten. Er erzählt darin seinen Werdegang, seine Beziehung zu seinen Lehrern, den Komponisten und zum Publikum sowie seine Arbeit im Studio.

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