Salonkonzert „Chopin und Debussy“

Eine musikalische Wahlverwandtschaft der Chopin-Gesellschaft Hamburg-Sachsenwald e.V.

Ein verhangener Maiabend wurde durch ein ungewöhnliches Salon-Konzert im Lichtwarksaal der Carl-Toepfer-Stiftung mit Licht durchflutet. Das junge Pianistenehepaar Dorota Motyczynska und Pawel Motyczynski hat uns vor Augen und Ohren geführt, welch eigentümliches Band Frédéric Chopin und Claude Debussy verknüpft. Meisterlich trugen sie ausgewählte Stücke der beiden Komponisten vor. Dazu erklärte Dr. Manfred Dahlke, ehemaliger Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung Hamburg, mit musikalisch-literarischen Erläuterungen die Klavierstücke, die uns gute Einsichten in die „Wahlverwandtschaft“ der Komponisten schenkten.


Debussy lernt von Chopin

Hätten Sie gewusst, wie nah sich Frédéric Chopin und Claude Debussy in musikalischer Hinsicht standen? Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Debussy 13 Jahre nach Chopins Tod auf die Welt kam. Das Glück wollte es, dass eine Schülerin Chopins – so behauptete sie – auf ihn aufmerksam wurde und ihm Klavierunterricht erteilte. Madame Mauté de Fleurville bereitete ihn zur Aufnahme für das Pariser Konservatorium vor, womit die musikalische Laufbahn des Franzosen begann. Debussy, als Komponist des Impressionismus, erkannte das Genie seines polnischen Vorgängers und in der Beschäftigung mit Chopins Werken vervollkommnete er seine eigene Kunst. „Ich liebe Chopin beinahe schon genauso lange, wie ich Musik liebe und ich tu es heute noch“, so Debussy. „Chopin ist von allen der Größte; allein mit dem Klavier hat er schon alles entdeckt.“, lautete sein Urteil.


Ein Paar am Klavier

Sobald man Stücke von Chopin und Debussy einander gegenüberstellt, wird die Verbindung erstaunlich klar. Dies auszuführen verlangt wahrhaftes Können und die beiden jungen Pianisten brachten uns die Stücke mit spielerischer Selbstverständlichkeit dar. Diese Kunstfertigkeit ist kein Wunder, denn Dorota Motyczinska ist u.a. Gewinnerin von Nationalen und Internationalen Chopin Wettbewerben und studierte bei Prof. Hubert Rutkowski (dem Präsidenten der Chopin-Gesellschaft Hamburg-Sachsenwald). In zahlreichen Meisterklassen etwa bei Anna Malikova, Lee Kum Sing und Beatrice Berthold bildete sie sich fort. Beim Internationalen Festival für Junge Musikwettbewerbsgewinner führte sie z.B. Bachs Goldberg Variationen vor.

Lauscht man dem Klavierspiel von Dorota Motyczynska, beginnen die Töne zu singen, denn sie beherrscht die eigentümlich verbunden Klänge – eine Spezialität für Chopins Stücke – mit fließender Anmut. Ihr Auftritt und ihr Spiel verliehen dem Konzertabend einen besonderen Zauber. Wo sie leicht zwischen Zartheit und Temperament wechselt, legt ihr Mann eine verschmitzte Ernsthaftigkeit an den Tag. Pawel Motyczynski spielt kraftvoll und empfindsam zugleich und vereint diese Widersprüche virtuos in Melodieführung und schwierigen rhythmischen Passagen – sein (konzerterfahrener) Vortrag ist ein Genuss. Nach dem Absolvieren an der Musikakademie in Krakau bei Miroslaw Herbowski, nahm er Meisterkurse etwa bei Joaquin Achucarro, Dimitrij Alexeev, John Perry und Philippe Giusiano. Sein reges Konzertleben beinhaltet z.B. Rezitationen, Festivals auf internationaler Ebene und er nahm Teil am Europäischen Klavier-Programm „Piano: Reflection of the European Culture“.


Wiegenlied und Mondenschein

Debussys Klavierstücke folgen den Klangfarben und erfinden die Konturen der Stücke des polnischen Komponisten sogar neu. Die Verbindung wird dann ersichtlich, wenn man sie direkt hintereinander anhören kann. So ist das berühmte Claire de lune Debussys (schon) als Hommage an Chopins Berceuse in Des-Dur op. 57 erkennbar. Chopin widmete seine Berceuse seiner Klavierschülerin Mademoiselle Elise Gavard. Er schenkte ihr das Original dieses „Wiegenliedes“, das sie als „als teuerstes Andenken an ihren unvergesslichen Lehrer“ wahrte und später an die Bibliothèque du Conservatoire weitergab. Das Claire de lune war inspiriert durch das Gedicht Paul Verlaines „Mondenschein“. Dr. Dahlke rezitierte es für uns:

Dein Herz ist ein erlesenes Gefild
Bezaubert von dem Takt der Bergamasken
Von Lautenspielen und von Tanz – ein Bild
Fast traurig trotz der ausgelassnen Masken.

Wenn sie in sanften Tönen auch besingen
Der Liebe Siege und das leichte Sein:
Will ihnen rechte Freude nicht gelingen
Und ihr Gesang verschmilzt im Mondenschein.

Im stillen Mondenscheine schön und fahl
Vor dem die Vögel träumen in den Hecken
Und in Verzückung schluchzt der Wasserstrahl
Der große schlanke Strahl im Marmorbecken.

Die Tonart Des-Dur, die Wärme und Harmonie suggeriert, ist hierbei das innere Band, das die beiden Kompositionen miteinander verknüpft.


Melodien und Motive

Ein weiteres Beispiel ist die Gegenüberstellung von Chopins Barcarolle Op. 60 in Fis-Dur und L’isle joyeuse von Debussy. Beiden Stücken ist eine Frische und Fröhlichkeit zu eigen, die sowohl Dorota als auch Pawel Motyczynski sogleich übernehmen und ihnen auch einen Hauch von Poesie verliehen. Debussys Valse romantique in f-Moll ist ebenso wenig für den Tanz geeignet, wie Chopins Walzer F-Dur Op. 34, Nr. 3. Sie waren tatsächlich nur zur Vorführung gedacht und nicht als Ballmusik, erläutert uns Dr. Dahlke. Der gebürtige Elsässer mit der sonoren Stimme weiß uns so viele Details zu vielen weiteren Stücken zu erzählen und Gedichte vorzulesen, dass sie immer plastischer werden. Es ist spannend, die Gemeinsamkeiten in Melodien und Motiven zu finden. Dabei wird immer offensichtlicher, warum der polnische und der französische Komponist zu den einflussreichsten und populärsten Komponisten der klassischen Musik gehören.


Junge Virtuosen

Auf diese leichte Art etwas über diese wegweisenden Komponisten für die Klavier- und Musikwelt zu erfahren, war erhellend und unterhaltsam zugleich. Man beginnt, die Musik Chopins und Debussys mit anderen, wacheren Ohren zu hören, wobei der lebendige Musikvortrag der beiden jungen polnischen Klaviervirtuosen all dem Lebendigkeit verlieh. Die literarisch-musikalische Reise faszinierte das Publikum, beeindruckte und erfreute.

Wie schön ist es, dass sich der Nachwuchs in der Klassikwelt auch weiterhin den Mühen der Aus- und Weiterbildung und der Musikerlaufbahn unterzieht, um einem Publikum ein Live-Erlebnis zu bieten, das durch das Abspielen von Aufnahmen einfach nicht zu ersetzen ist. Denn was z.B. bei Chopin „Etude“ heißt, also eine Beschäftigung zum Einstudieren, ist in Wahrheit eine große Herausforderung für die Künstler. Sie sind komplex in ihrem Aufbau und erfordern ein Höchstmaß an Konzentration und Fertigkeit – gelten doch Chopins „Übungen“ als mit die am schwierigsten zu bewältigenden Klavierstücke in der Klassik.

Um Weiteres über Dorota Motyczynska und Pawel Motyczynski zu erfahren, besuchen Sie ihre Internetseiten (Englisch):

Dorota Motyczynska
Pawel Motyczynski